Notgedrungener Adrenalin-Junkie, Schädlingsbekämpfer in eigener Sache

Bereits der Dachaufstieg an sich war grauenvoll; zwar roch es frisch nach feuchter Erde aus der Umgebung und den Moosen, die sich bevorzugt auf den Pfannen der Nordseite angesiedelt hatten; doch war ausgerechnet dies mein regulärer Anlegepunkt für die Leiter, da am Niedrigsten und somit am Besten zugänglich. Obwohl in der zweiten Tageshälfte kein Regen mehr fiel, war besagter Teil immer noch feucht, zumindest die Stellen mit Ablagerungen, die dadurch glatt wie Schmierseife waren. Da kam es urplötzlich wieder auf, das Gefühl, das man in Momenten höchster Gefahr verspürte. Die Anspannung und Wachsamkeit bis in die Haarspitzen, die Fragestellung an sich selbst, ob man eigentlich bescheuert sei, was man hier eigentlich überhaupt verloren hatte? Musste erst noch ein Unglück passieren? Ebenso vernahm die Riechwurzel diesen typisch strengen Pseudo-Geruch, den man in der Nase zu haben glaubt, wenn einen etwas übermäßig stark und unerwartet überkommt. Die hochgefahrenen Sinne im Angesicht der Gefahr konnten einem schon intensive Wahrnehmungen bescheren. Erfahrungen im Grenzbereich. Schon nach dem ersten Meter in sicherheitshalber geduckter Haltung auf allen rutschenden Vieren (!) war das Gefühl des sofortigen Abbruchs so vehement, dass ich eine ganze Weile mit dem weiteren Vorhaben haderte. Aber ich hatte es mir nun mal auf die Fahne geschrieben, musste noch eine Arbeit abschließen, wozu der Vortag nicht mehr gereicht hatte, und passender Weise hatte es ja eine ganze Zeit nicht mehr geregnet. Jetzt war ich mitten auf der Nordseite, kam mir so verloren vor, wie wohl ein Rookie, der erstmalig zum Bergsteigen überredet worden und mutterseelenallein der harschen Umgebung ausgesetzt war. Der Hauptfirst rückte näher, und der Angstschweiß, der Teils in Bahnen den Kopf, Rücken und die Brust hinabrann, teils als Dampf aus den Kleidungsöffnungen austrat, stand im krassen Gegensatz zur herbstlich kalten Witterung.

Die ganzen Jahre über, solange er sich schon bei mir eingenistet hatte, nannte ich ihn gerne mal Sid. Sicher, Sid aus Ice Age war eigentlich ein Faultier, aber die frettchenartige Anmutung, die Gewandtheit und Lebenskunst von der Hand in den Mund trafen auch gefühlt irgendwie auf meinen langjährigen Marder zu, wahrscheinlich hatte ich sogar bereits Folgegenerationen und –Populationen ‚zu Gast’ in meiner Dachisolierung und Zwischendecke gehabt, da es in den vergangenen Jahren dort oben teils sehr kiebig zuging. Was hatte ich nicht alles aushalten müssen: Zerrissene Schneeschutzfolien, herausgebissene Glaswolle hier und da, brüchige Spanplatten der Dachbodenoberfläche, die typischen territorialen Kotmarkierungen rund um’s Haus, denen man die saisonal abhängige Kost dieses Geschöpfes teils gut ansehen konnte (zum Spätsommer / Herbst gerne mal künstlich beerenrot mit Restkügelchen!), auf dem alten Dachboden üblicher Weise auch in großen kreisrunden Ansammlungen von einem Quadratmeter Fläche, und das behände, leichtfüßig nagelnde Geräusch, als wäre er eine Rennmaus, wenn er direkt über dem eigenen Kopf auf der Deckenpanele lief oder sich eher mergelnd dumpf zu erkennen gab, wenn er enge Passagen durchkroch ... Die Nerven können schnell blank liegen; ständig ist doch der Gedanke am Start, wann wieder die Zwischendecke für wie viel tausend Euro zu erneuern ist, oder einem das Dach womöglich irgendwann auf den Kopf fällt! Man kommt nicht in den Schlaf, fragt sich bei jedem Geräusch, ob das von Temperaturschwankungen und Wind, wie so oft, oder doch wieder vom Quälgeist kommt; es ist ja nicht so, als hätte man keine anderen Sorgen, und dieser Kobold kann einem fürwahr auf die Gesundheit gehen, nicht nur psychisch und nervlich, denn neben vielen Krankheiten und Keimen trägt er gerne auch Parasiten in sich, ist also, so gesehen, eine super-mobile, multiple Schädlingsbombe. Er ernährt sich auch wiederum von solchen, bringt sich also auch mal ’nen Nager oder ’ne Taube von „Marder Donald’s“ mit nach hause, die Reste lässt er dann liegen, wo es ihm passt. So wie manche Menschen die braune Papiertüte mit dem gelben Buchstaben auch einfach aus dem Autofenster werfen ...
Und man frage mal Firmen, die sich eigentlich auskennen sollten, oder welche sogar Schädlingsbekämpfer sind: „Ja, wir können mal eine Begehung machen oder eine Falle aufstellen (lassen), aber das ist ja auch schwierig ...“. So oder ähnlich hörte ich mir zwei, drei professionelle Ghostbuster an und hatte schnell das Gefühl, dass das keine zufrieden stellenden Ergebnisse bringen würde, außer für den Bekämpfer in Form von Umsatz. Auch der Dachdecker, der lange im Thema war und auch darauf hin Termine wahrnahm (Rechnungen ohne abhelfenden Gegenwert!), hier und da Pfannen abnahm und nachschaute, kam dem nicht auf die Spur, obwohl er den Befall im Bereich der Gaube letztlich feststellen konnte; jetzt war doch eigentlich für ihn nur noch weiter die Fährte beizubehalten und das Projekt durchzuziehen ... Jäger-Tipps wie Parfum auszulegen, ein Radio aufzustellen oder Nutella in eine Falle zu setzen, brachten wieder nüscht; ich habe das Nutella sogar mit Akazienblütenhonig beträufelt, da Honig einem Bekannten im selben Fall direkt geholfen haben soll; die Insekten, zumindest, haben sich sehr darüber gefreut ...
Ich machte inzwischen schon eigene Geräusche, wann immer ich Sid hörte, am Liebsten imitierte ich spontan den erbosten Donald Duck, ein wenig reagierte er auch tatsächlich darauf, er lief dann etwas schneller, „drrrrrrrrrrt“ nagelte es dann über mir. Auch die so universell praktischen Crocs konnte man mal eben ausziehen und unter die Decke werfen, um ihm Beine zu machen. Einsatz von Gummigeschossen sozusagen. Unter’m Strich blieb aber die nervlich-seelische Zermürbung. Denn eines war klar: Werden Zugänge nicht erkannt und geschlossen, werden sie weiterhin begangen. Und all’ diese Abwehrmittelchen, egal ob mechanische, optische, olfaktorische oder akustische bringen nun mal nix, sie mögen die kleinen Nerze vielleicht zeitweise irritieren, wenn überhaupt. Die Mission war klar: Auffinden und Schließen der Zugänge. Mein Nachbar wollte seine direkt an der Nordseite angrenzende Hecke und den Zwetschgenbaum nicht entfernen, ganz klar der rote Teppich für Sid. Eins-zwei-hopsasa und er war schon auf seiner Route sixty-six bzw. meinem Highway to Hell. Deshalb brachten auch die vielen anderen Maßnahmen wie Stachelbänder um Fallrohre zu legen und Zwischenräume am Mauerwerk mit Bauschaum oder Mörtel zu füllen nichts. UV-beständige Dachrinnenraupen, Katzen-Spikes, mein Gott, was es alles gab; Bürsten oder Kunststoffstreifen, die man einsetzen, schrauben oder kleben konnte und die ganzflächig spitze Kegel oder Borsten haben. Selbst um die obere Flucht des Panoramafenstereinsatzes habe ich sie mit Baukleber gesetzt. Am Wochenende, seiner üblichen Zeit bei mir, wieder das vertraute Nageln in der Zwischendecke. War ich jetzt enttäuscht oder froh darüber, dass er mich noch nicht verlassen hatte? Die Sturzwasserkehlenansätze längs der Pfannen hatte ich doch auch schon zugemörtelt; wo konnte er jetzt noch durchkommen?

Im örtlichen Baumarkt traf ich, praktischer Weise (!), einen Jäger unter den Angestellten, dessen Großvater noch Sids fing und deren Felle verkaufte. Sam Hawkins? Na, egal! Als ich ihm mein fünfzolliges mobiles Display mit dem Foto meiner Gaube vor die Nase hielt, da mir eine Absenkung des Firsts bzw. höhenungleicher Verlauf der Firstlinie auffiel, versicherte der mir gleich eindeutig, dass dies der Zugang wäre, zumal beim Zoomen loses Bleiband aus dem Ziegelspalt zu erkennen war; außerdem erhielt ich eine Einweisung in die von den Gewohnheiten des Tieres abhängige Handhabung einer Falle. Das war ja mal ein informativer Volltreffer, aber das Fangen wollte ich lieber den Trappern überlassen, zumal anspruchsvoll und geduldbehaftet. Mein Heim musste hermetisch gegen Hermeline werden, das stand wohl fest! Frettchen-Fangen indes, ist eine hohe Kunst, soviel hatte ich verstanden. Es schien alles Sinn zu machen. Alles hatte ich bislang berücksichtigt, außer den First.

Tags darauf war ich am Gaubenfirst und nahm neugierig die Ziegel ab. Zur Mitte kommend wurde das Bleiband immer loser, dessen Bleirand immer abgerissener und einige der Firstpfannen hatten eiergroße Löcher im oberen Inneren oder Kerben am oberen Rand! Ich war mir sicher, den Zugang der Höhle des Löwen gefunden zu haben. Ich entschloss mich gegen eine Banderneuerung, die womöglich früher oder später doch bloß wieder zerrissen würde, aber für eine Verklebung des Alten so gut es ging, mit zusätzlicher Übermörtelung vom Pfannen-Bandübergang bis zur Firstlatte, außerdem bekamen die kariösen Pfannen zuvor selbstverständlich noch Zementfüllungen. Unter den Speis mischte ich außerdem ein pulverförmiges Mardervergrämungsmittel mit dem unverfänglichen Namen ‚Flocky Stop’, das rein idiomatisch auch ein Hundespielzeug hätte sein können(!), so dass automatisch eine Geruchsbarriere eingebaut war, wenn zukünftig wieder Krallen an’s Werk gehen sollten; dann würde es wohl einen konstanten Abwehrduft freisetzen, soweit meine Theorie.
Da ich mit der Wiedereinklammerung und Verschraubung aller Ziegel an jenem Tag nicht mehr fertig wurde, befand ich mich also an einem Folgetag in besagter moosabgangsträchtigen Situation. Nach Fertigstellung warf ich einen letzter Blick unter die Firstlinie, eine zufrieden über die Ziegel streichende Handbewegung wollte gleichzeitig den Körper sichern sowie eine Geste des Abschlusses setzen. Ein plötzlicher stechend-brennender Schmerz, der gleich darauf wieder im Pegel abfiel. Was war jetzt schon wieder? Enttäuscht über die vorschnelle Bewegung wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr an die wieder angebrachten, um die Ziegel rundgebogenen Klammern gedacht hatte. Mit dem seitlichen Nagelbett des Daumens erwischte ich eine davon ziemlich heftig. Schnell sammelten sich immer wieder Tropfen Dracula’s Finest an der Daumenkuppe, die ich mal in die eine, mal in die andere Richtung des Daches abschlackerte. Wirkte das jetzt abschreckend oder anlockend auf Sid? Und nicht, dass ich mir am Ende noch irgendwas dadurch einfangen würde, das fehlte noch ...?! Ich wollte außerdem langsam zum Abschluss kommen und wenigstens noch den zuvor in einer Sprühflasche aufgelösten Rest Flocky-Stop vorbeugend unter den Hauptfirst sprühen, dessen Band auch nicht mehr überall fest war. Denn der somit geschlossene Gaubenfirst konnte ja durchaus dazu ermutigen, auf dem fünf mal längeren Hauptfirst einzusteigen ...! Der zu vernebelnde Aladin wollte leider zumeist nicht so recht aus der Flasche; mal konnte ich es etwas forcieren, zumeist blieb das Ding aber hartnäckig. Der gelbbauchige Kunststoff schien inzwischen einen Batik-Effekt erhalten zu haben, da mein roter Lebenssaft die Flasche ummantelte und diese in der Bedienbarkeit auch immer schmieriger und klebriger machte. Ich hatte die Faxen dicke, schraubte den Kopf ab, entleerte sie ebenfalls schlackernd hier und da über und unter einigen Hauptfirstziegeln, so gut es ging, vergaß auch nicht den stolzesten Haufen zu begießen, den Sid genau in dessen Mitte hinterlassen hatte, und sah zu, dass ich heile vom glattesten Mount Everest kam, den ich bislang kennen gelernt hatte. Bergsteigerschuhe mit massiven Spikes wären bestimmt das Mittel der Wahl in punkto Sicherheit gewesen, aber dann hätte ich mir wahrscheinlich gleich das Dach neu eindecken lassen können ...!
Die Blutung hatte inzwischen aufgehört, dennoch rann eine Menge Rubinrot beim Flasche- und Händewaschen durch das Waschbecken. Die einzige Medikation nach der heißen Dusche bestand in zwei prophylaktischen Ibus und einem Liter Gerstenkaltschale. Es verheilte gut.

Nachdem vier Wochen vergangen waren, machte ich mir ein wenig Sorgen. Sid nagelte nicht mehr in der Zwischendecke, rufte nicht an. Hatte außerdem noch ein funkfernbedientes Radio auf den Dachboden in Höhe des Hauptfirsts bekommen. Viele dennoch verbliebenen Geräusche waren uneindeutig und hatten durchaus mit dem Dach als solchem zu tun und immer schon die Mehrheit ausgemacht, sie waren nach wie vor auch weiterhin belastend. Ein Knibbeln, da war es wieder, konnte es denn wahr sein? Ach nein, Gott sei Dank, das war doch nur die zusammengeknüllte Papiertüte, die ich zuvor zum Anzünder degradiert und in die Kaminecke geworfen hatte, und die sich dort wieder gegen ihre auferzwungene Behandlung zur Wehr setzte und auseinander gehen wollte. Jedes Knistern des Papiers wie ein Krallenschlag in der Bausubstanz. War Sid wohl okay?

6.11.15 20:35

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