Im Zug dieses Lebens bleiben, solange es geht

Unzufriedenheiten hier und da kommen schnell auf und sind auch völlig normal. Private, persönliche oder berufliche Verhältnismäßigkeiten werfen einen immer wieder zurück oder halten einem den jeweiligen Status Quo regelmäßig und unnachgiebig vor Augen. Je nach Tagesverfassung wirkt das in einer Bandbreite von egal bis vehement auf einen ein. Und so individuell wie die jeweiligen Empfindungen sind, sind dies auch die unterschiedlich stark ausgeprägten Lebensum- und Gemütszustände, und aus diesem beiderseitigen Mix entstehen diverse Haltungen und Handlungen.
Angesichts mancher Schicksale kann man durchaus nachvollziehen, warum sich nach Veränderung oder vollständiger Aufgabe orientiert wird, auch wenn man selber, in vergleichbare Situationen hineingedacht, was ja längst noch nicht Dasselbe ist, immer noch nicht zu radikalen Schritten bereit wäre. Vergleicht man das Leben mit einer Bahnfahrt, kann man gewissermaßen umsteigen, oder aussteigen, nur was hat man davon, wenn man im sicheren Mitteleuropa, gar im nach wie vor bestens aufgestellten Deutschland leben kann? Diese hochwertige Stabilität aufzugeben, sei es auch bei nachhaltig bedrängenden Lebensumständen, die einen beuteln, wäre schlichtweg traurig und die reinste Verschwendung. Unsere wirtschaftlichen Sorgen, beispielsweise, möchte der Rest der Welt gerne haben. Es besteht permanent die Aussicht auf Hilfe und Verbesserung. Gegen wen oder was kämpft man eigentlich, und was hat man zu verlieren?
Vielleicht will man sich verändern, dann wäre das eine vertretbare Lebenserfahrung. Steht man aber bereits vor einer Wand und will oder kann nicht mehr, dann sollte man die Kontrolle und Hoffnung trotzdem nicht gänzlich verlieren, weitermachen und konstant und unnachgiebig auf Chancen aus sein. Das Handtuch werfen kann man immer noch. Ein Regenschauer hört auch irgendwann mal wieder auf. Ist man gar selbst derjenige, der sich im Weg steht? Hat man unrealistische Ziele oder Ideale angesetzt, oder wurde traumatisiert? Der Bekannte, etwa, der sich das Leben nahm, weil seine Frau urplötzlich schwerkrank und zum Pflegefall wurde, oder das Mädchen, das aufgrund der sexuellen Rolle, die es früher oder später anzunehmen gilt, seit Jahren kaum mehr etwas isst oder gleich wieder erbricht, um sich von negativen initialen Erwartungshaltungen oder gar bereits solchermaßen widerfahrenen Erlebnissen bestmöglich zu distanzieren, am Besten erst gar nicht erwachsen oder attraktiv bzw. feminin wahrnehmbar zu werden; oder weil es schlichtweg einen Sport aus dem Abnehmen gemacht und dieses Projekt teils sogar als zweites Ich personifiziert und lieb gewonnen hat. So als wäre sie eine talentierte Sportlerin, der aber die Fachwelt immer öfter nahe legt, ihren Sport gesundheitsbedingt aufgeben zu müssen, und dadurch jedoch, in gewisser Weise, einem guten, gar dem besten Freund, den Laufpass geben zu müssen.

Mit allergrößtem Respekt an die verschiedenen Leben dort d’raußen, aber eines ist sicher: Von diesem Zug, in dem wir gegenwärtig fahren, wissen wir mit einziger Sicherheit, dass er existiert; wer immer sich auszusteigen entscheidet, wird jedoch nicht wissen, wo und ob er denn mal wieder in einem landen wird. Und wenn, ist die Frage, ob überhaupt als Mensch, und ob besagter Zug adäquat zu dem wäre, in dem wir ja bereits sitzen. In welchem Land und Leben erschiene man wohl wieder, und wird man überhaupt sicher vom Bahnhof abgeholt? Wie mag sich alles Weitere entwickeln? Denn warum sollte dieses Leben ausgerechnet unser Erstes und Einziges sein? Es lässt sich nämlich schwer vorstellen, dass nach Aussteigen der Bildschirm einfach nur schwarz wird und auch vorher noch nie angestellt wurde. Und wenn er dann im Leben eines an Menschenhändler verkauften oder in Kriegswirren aufwachsenden Kindes wieder angehen sollte, hätte man sich sowieso nicht verbessert ... Ein Grund mehr, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, wieder und wieder eingeschaltet zu werden, global stabilisierende Beiträge zu leisten, denn das nächste Leben, wie wohl alle anderen auch, wird todsicher nach dem Zufallsprinzip hochgefahren, und man landet in einem chinesischen, indischen, äthiopischen oder amazonischen Kind. Es ist wohl am Ehesten mit einem Lotteriegewinn zu vergleichen, in dieses deutsche Leben hinein geboren worden zu sein ...

24.10.15 13:22

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