Mythos Gaggia

Kaffee vertrage ich nach wie vor nicht so gut, aber mit zwei bis drei Espressos am Tag (Espressi ist ja italienisch!) ist mein Magen in der Regel noch stabil. Eingebettet in reichlich mineralisierenden Grüntee, möglichst auch den Andinen, versuche ich die Bastion der Schleimhaut und des Säure-Basen-Gleichgewichts zu halten; notfalls ist eine zusätzliche, kleine säurebindende Mahlzeit angezeigt, oder hin und wieder ein leichter Säureblocker. Kurativ in der saisonalen Übergangszeit, Herbst und Frühjahr, wo die Internisten sowieso die meisten Gastritis-und Geschwürseinweisungen haben (Magensekretion reagiert auf Wetter-Umschwung), kann auch schon mal ein paar Tage lang die Einnahme eines fachmännischen Blockers (PPI) sinnvoll sein, den es ja inzwischen in der 20mg-Dosierung rezeptfrei erhältlich gibt. Mal einfach bis zu 14 Tage lang gleich vor’m Frühstück eine einwerfen, wenn man solch’ ein Kandidat ist. Man sieht, dass Außenreize und Nahrungsaufnahme, im Weiteren die Lebensweise und -Umstände gleichermaßen auf die Säureausschüttung Einfluss nehmen. Ein Tipp am Rande für Leidensgenossen: Die früher propagierten Diäten sind Quatsch bzw. nicht pauschal über einen Kamm zu scheren, der Internist meines Vertrauens sagt, jeder könne selbst ausprobieren, was er nicht so gut vertrage und dann entsprechend meiden. In den Übergangsjahreszeiten und auch sonst, wenn’s im Oberbauch brennt, einfach magenfreundlicher leben, Reizstoffe reduzieren, leichter essen, für regelmäßigen seelischen und körperlichen Ausgleich sorgen.

 

Ich bin Traditionalist, suche zumeist, wenn mich etwas interessiert, das Authentische, Ursprüngliche oder Richtigstmögliche. Für den tollsten Kaffeegeschmack nehme ich daher auch hin und wieder einen Magen im Grenzbereich in Kauf. Da kommt Filterkaffee, selbst wenn er gerade eine neue Blüte erfährt, und Vollautomatenkaffee natürlich nicht in Frage, weiß man doch auch bei letztgenannten nicht pauschal, ob diese siebträgeradäquaten, dampfgedrückten Espresso abgeben können. Vielen Apparaten unterstelle ich zumindest, dass sie bloß ein Standardverfahren mit unterschiedlichen Wassermengen anwenden. Jedoch ein mit etwas mehr Arbeit versehenes Zu- und Nachbereiten eines Espressos aus einer Siebträgermaschine bringt auf jeden Fall die geschmacklich und verträglich optimierte Essenz.

 

Unsere Generation ist damit aufgewachsen, wie sich die ersten Pizzerien etablierten. Hinter den Theken der später oft auch Trattoria genannten Restaurants stand gerne mal eine professionelle Siebträgermaschine des Herstellers Gaggia. Vollends in Metall gefertigt, die älteren womöglich noch teils in Gusseisen und leuchtend rot lackiert, wie die Zylinderköpfe des Ferrari Testarossa, weshalb der ja so heißt, konnten drei oder vier Siebträger gleichzeitig bedient werden. Nun hatte ich in den letzten Jahren als ausschließlicher(!) Teetrinker den Mut gefasst, mir für den Einstieg einen ‚Dampfdrücker’ zu besorgen. Mit der authentischen Maßgabe war klar: Wer Fisch essen möchte, fährt an die See, wer eine Espressomaschine haben will, besorgt sich eine etablierte italienische. Die Preise von Gaggia waren mir seinerzeit noch zu hoch, wusste ich außerdem nicht, ob ich mit meinem Magen tatsächlich regelmäßig so ein Gerät nutzen würde. Ich traute mich schließlich zu einer De Longhi, die meine grundsätzlichen Anforderungen (italienisch, Siebträger, 15 Bar Dampfdruck) erfüllte. Und siehe da: Seit ca. 10 Jahren absorbiere ich mindestens jeden Morgen eines dieser kleinen, schwarzen Geschmackspotpourris.

 

Kürzlich segnete mein anthrazitfarbener Schatz mit beheiztem Parkdeck und Milch-Yakuzi das Zeitliche. Eine versuchte Not-OP (die sind ja unmöglich verbaut, und ich bin schon einige elektronische Innenleben gewohnt!) brachte auch keinen Erfolg, also war es daran, ein neues Wesen kennen zu lernen. Auf der anderen Seite war es mir auch nur allzu recht, denn somit hatte ich doch endlich die Möglichkeit vor dem Hintergrund meines tatsächlich anliegenden, regelmäßigen Aufkommens, schließlich mal eine Gaggia auf meiner Anrichte begrüßen zu können! Mit Schmetterlingen im Bauch sondierte ich die Modelle, las die Rezensionen derer, die ihre Erfahrungen schon gemacht hatten.

Als die erste nachhaltige Informationswelle sorgsam verarbeitet war, fiel ich plötzlich in ein tiefes Loch: Immer mehr Erfahrungsberichte waren zu lesen, die von schlechter Verarbeitungsqualität und Markenübernahme als respektivem Hintergrund sprachen. Gaggia habe vor über 10 Jahren verkauft, und zwar an Philips bzw. Saeco, die ja wiederum zu Philips gehören ... Statt Metallen würden Kunststoffe und statt solider Kippschalter Softtasten verbaut. Teils würden sogar von der noch echten Gaggia Classic Fotos eingestellt, bei Lieferung komme aber der Philips-Nachbau mit besagten billigen Materialien ...

Ich war mehr als nur moved, mein heiliger Gral, nach dem ich mich jahrelang sehnte, mein ganz persönlicher Gaggia-Geist war urplötzlich entzaubert, revidiert, verunglimpft, sprichwörtlich verkauft, auf ein bloßes Plagiat reduziert. Wie anders würde sich beispielsweise ein Ferraristo fühlen, bekäme er zwar eine authentisch anmutende Pasta-Rakete angeboten, aber weite Teile darin aus Fernost? Was wollte mir das Ganze vermitteln? Sollte ich mich gar einem sonstigen Mainstream-Produkt anschließen? In jedem Fall weg von der favorisierten, firm und fest ersehnten Wunschreligion? Das konnte und durfte nicht sein, aber auf verbrannte Erde lässt sich nun mal nicht umziehen; der Fall war klar, das Vorhaben sich abzuschminken. Diese Seifenblase war zweifelsohne für immer zerplatzt.

Ich hatte doch bereits eine echte Italienerin zuhause, warum dann nicht in würdiger Nachfolge eine ihrer Schwestern häuslich werden lassen? Gesagt, getan; die schlanke Schwester, ein wahrer Eyecatcher, das muss man wirklich sagen, gerade auch in der metallenen Ausführung, ist noch vergleichsweise neu ‚in der Stadt’ und schon gleich ’Topseller Nr.1’, darf man dem großen Online-Vertreiber Glauben schenken. Gut, sie ist so schmal gebaut, dass man sie beim Betätigen des Siebträgers festhalten muss, und manchmal bleibt auch etwas Satz unter der Ausgabe hängen. Auch den Milchaufschäumer kann man komplett vergessen, der dämpfelt nämlich bloß etwas vor sich hin, und wenn man meint, es ginge los, dann hat er schon keine Kraft mehr und der Kessel ist überhitzt! Noch dazu verursacht er gerade mal einen Ansatz-Schaum von einem Millimeterchen Stärke, der sich vergleichsweise schnell wieder auflöst. Aber zuhause bin ich sowieso kein Milchkaffeetrinker und kann daher bestens darauf verzichten, könnte mir aber genauso gut einen zusätzlichen, separaten Milchaufschäumer vorstellen, hätte ich den Bedarf. Denn das Espresso-Resultat des Geräts gefällt mir. Was da ’raus kommt sieht aus, riecht und schmeckt wie man es erwartet.

Da ich inzwischen auch auf’s Selber-Kaffeemahlen gekommen bin, kann ich für die De Longhi einen Mahlgrad von zwischen 4 und 8 mit einem Kegelmahlwerk empfehlen, auch vor dem Hintergrund, dass man für Espresso möglichst fein mahlen soll. Bei den niedrigsten Graden sieht man aber deutlich, dass die Maschine bei der Extraktion ziemlich angestrengt ist und noch vergleichsweise viel Wasser im Siebträger behält. Mehr Anstrengung könnte wohl auch eher wieder Ausfälle begünstigen, daher werde ich die Grade 1 bis 3 eher selten einsetzen. Ein Profi-Gerät mag souveräner mit solchermaßen dichtem, öligem und kraftaufwändigerem Kaffee-Mehl zurecht kommen. Die bella ragazza lässt dann jedoch eher keine gleichmäßig mittelbraune Flüssigkeit austreten, sondern tröpfelnde bis behäbige Schwärze, entsprechend kann man die Crema in der Tasse eher suchen. Statt einer von unterschiedlichen Brauntönen gescheckten, durchgängigen Landmasse mit bestimmten Höhenmetern sieht man dann eher eine schwarze Waterworld mit Rand-Inselchen kurz über dem Meeresspiegel.

 

Mein persönlicher „Mito di Gaggia“ ist wie gesagt offenkundig geworden, aber das Leben geht weiter, und ich habe endlich wieder eine waschechte Italienerin in der Küche, bravo ...!

2.10.15 22:53

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