Schattenkinder - Unserer einzigartigen Mutter

Kürzlich waberte ein Beitrag über den Äther. Die längste Zeit kannte ich das Wort gar nicht. Als Betroffener wächst man wie selbstverständlich in das Leben hinein, da es zumeist als normal empfunden wird. Man kennt es nicht anders. Mit mehreren Geschwistern war zuhause immer ’was los, mal verstand man sich besser oder schlechter, stritt sich, oder fand zusammen, und die Eltern waren mehr als ausgelastet. Unsere Mutter hielt rund um die Uhr die Fäden vor Ort in der Hand, unser Vater trieb seine Selbständigkeit voran. Abendliche Gemeinsamkeiten waren nicht immer oder in dem Maße gegeben, zu sehr hatte der Tag oftmals bereits Reserven oder Nerven gefordert.

Ob ich als Kind weniger Zuwendung bekam oder ich bewusst wahrnahm, dass unsere jüngste Schwester mehr Aufmerksamkeit erhielt als wir oder dieser bedurfte, kann ich rückblickend gar nicht mehr so richtig sagen, ich glaube, ich habe das eher einfach so angenommen, wie es kam bzw. war, und es stand für mich nicht weiter zur Debatte. Als während der pränatalen Phase unserer Schwester die Diagnose auf Downsyndrom gestellt wurde, war es für unsere Mutter umso klarer, sich voll und ganz auf das Kind einzulassen, und das in einer Zeit, in der Ärzte gerne auch mal eine andere Empfehlung aussprachen, und der heute selbstverständliche Begriff der Inklusion eher noch verpönt, geschweige denn geläufig war.
Sicherlich wurde sie mehr in Schutz genommen, hatte zu Vielem leichteren Zugang, wurde eher auch noch über ein bestimmtes Maß hinaus vor Außeneinflüssen bewahrt, obwohl sie sich sicherlich noch viele andere darauf aufbauende Selbständigkeiten hätte aneignen können. Unsere Mutter war halt gänzlich für uns alle, und noch mehr für unser liebes Nesthäkchen da. Klar, wenn es um Aufgaben-Verteilung ging, machte unsere Schwester immer den besten Schnitt, und es konnte auf unserer Seite schon mal ein: „Oh, die hat’s gut ...!“ herausrutschen; mit zunehmendem Alter wurde uns dieser Einwand aber nicht mehr durchgelassen. „Ach ja, meinst Du wirklich? Ich glaube, das weißt Du besser ...!“ Einige zusätzliche Dinge hätte sie sicherlich immer schon machen können und kann sie nach wie vor immer noch mehr übernehmen. Das nachhaltige, mütterliche Protektoriat hat dies weniger forciert. Das hatte sicherlich Auswirkungen auf unsere jeweiligen Alltagsplanungen; wir Kinder verabschiedeten uns in unsere Freizeit, oder schickten uns zumindest dazu an, aber es kam durchaus oft die Frage auf, wer denn auf die Jüngste aufpasse.
Insofern waren wir schon von Seiten allgemeiner Aufgaben einerseits und der regelmäßigen Aufsicht oder Begleitung andererseits eingeschränkt, nicht so frei zumindest, wie die meisten unserer Altersgenossen. Und auch zukünftig wird das fortgeführte Aufpassen und Zusammenleben Thema bleiben, zumindest wird nicht jeder von uns sagen können, ich lebe künftig mein eigenes Leben, sofern wir selbstverständlich unser Versprechen halten wollen, für die Jüngste weiterhin da zu sein.

Heute hat sie einen weitestgehend selbstbestimmten Tagesablauf, da sie aufgrund traumatischer Erlebnisse unter Ihresgleichen fortan das Leben in der Familie und im Bekanntenkreis jenem vorzog, zwischendurch bestimmt sie ihren Tagesablauf komplett selbst und vermittelt mir schon mal das Gefühl, bei der vielen Zeit, die sie rein für sich hat, mir vielleicht noch etwas besser im Haushalt zur Hand gehen zu können! Ihr unverkennbarer Dickkopf einerseits, der andererseits aber von einem genauso herzlichen Wesen begleitet wird, ist selbstverständlich nicht allzu schnell zu ‚Zugeständnissen’ bereit, bedeutet dies doch Verzicht auf einen Teil des Lieblingsfernsehprogramms oder anderer bevorzugter Beschäftigungen. Intelligent und harmonisch gilt es immer, vorzugehen, und zum Schluss denke ich: Zuviel Sonne ist auch nicht gut!

Seit dem nunmehr einjährigen Verlust unserer Mutter, dieser nach wie vor sich gleich anfühlenden Lücke, kommen wir jedoch in erstarkter Demut, Verständnis und Zugewandtheit zusammen, was man auch bei unserer Schwester deutlich wahrnehmen kann. Mamas Facetten strahlen aus jedem von uns beständig und ungebrochen hervor ...

25.9.15 22:28

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