Party- und Lifestyle-Lieder mit so ganz anderer Message

Die Klavierlehrerin meiner Schwestern äußerte gerne mal, dass sich die Tonleiter eigentlich nur aus vergleichsweise wenigen Noten zusammensetze, und doch entstünde daraus eine Unendlichkeit an individuellen Kompositionen.

Was im Alltag die meisten Gehörgänge erreicht, dürfte zumeist Popmusik, im Weiteren auch R ’n B, Rap, Hip-Hop und zunehmend auch Lateinamerikanisches sein. Es wird oftmals unvoreingenommen mitgesungen, -gesummt oder getanzt, ohne die zugrunde liegende Botschaft groß in Frage zu stellen bzw. überhaupt zu verstehen. Sind sie doch auf die Melodie bezogen oft richtige Mitreißer. Wenn man dann aber junge Frauen abrocken sieht, während beispielsweise Sweat von Inner Circle, Candy Shop von 50 Cent oder Whistle von Flo Rida gespielt wird, ist es schon verwunderlich bis amüsant, welcher unwissentlichen Bereitschaft sie sich auszuliefern scheinen. Enthalten die Stücke doch Aufforderungen oder Wünsche zum kräftigen Geschlechtsakt oder Oralverkehr, mindestens sind sie doppeldeutig zu verstehen. Sie zum schwitzen bringen zu wollen, und wenn sie aufschreie, es oder ihn noch mehr (hinein?) zu schieben; sie seinen Lollipop im Süßigkeitenladen lutschen zu lassen oder die Pfeife unter Anführung detailierter Herangehensweise geblasen bekommen zu wollen. Vielleicht ist es aber auch einfach unpraktisch, Unterbrechungen im Kontinuum des Musikgenusses in Abhängigkeit persönlicher Wertevorstellungen einbauen zu müssen, so nach dem Motto, die Botschaft, jetzt gerade, kann ich nicht vertreten, solange verlasse ich erst mal die Tanzfläche oder stelle das Radio leiser. Stattdessen kann man das Ganze ja auch ironisch mit tragen und sein Beschallungs-Kontinuum weiter aufrecht erhalten. Jetzt erst recht, so ungefähr!
Da klingt es in Blanco von Pitbull und Pharell Williams, das der eine oder andere Motorsport-Fan aus der hormon-, adrenalin- und PS-geschwängerten Gathering-Szenerie von The Fast and the Furious 4 kennen dürfte, schon beinah unverfänglich, wenn er „nur“ davon singt, dass er alles bereits durch die Kleidung sehe und sie alles auf ihn werfen könne, und sie möge mit ihrer Hose näher kommen und ihm ihre Strumpfhose schenken, er unten, sie oben: „Acércame tu pantalón, regálame tu panti ... Yo abajo, y tú arriba!“

Die Zeiten und ihre Botschaften sind heißer und direkter geworden, so wie sich Haie bekanntermaßen mit steigender Wassertemperatur aggressiver verhalten. Aber auch vom seit Jahrzehnten eingebrannten „Vamos a la playa“ der italienischen Gruppe Righeira empfand ich lange nichts Anderes, als einen Aufruf, an den Strand zu gehen, Urlaub zu machen, südländisches Flair aufkommen zu lassen oder im Sommer das Verdeck zu öffnen. Ich habe mich nie tiefergehend mit dem Text befasst, aber da das Spanische und ich ganz gut miteinander können, landete irgendwann der Satz „La bomba estalló (die Bombe platzte)“ der ersten Strophe im Security-Abfang-Netz meiner grauen Zellen; dies konnte figürlich gemeint sein, stand aber ansonsten irgendwie im Widerspruch zum gefühlten Easy Going und machte mich neugierig. Beim konzentrierten Hinhören war von „las radiaciones tuestan, y matizan de azul“ (versengenden, sich blau abstufenden Strahlungen) die Rede. Im Weiteren von Sombreros, die alle tragen, um den radioaktiven Wind davon abzuhalten, die Frisuren zu zerzausen. Die dritte und letzte Strophe schließt damit, dass das Meer wieder sauber ist und keine verendeten Fische mehr enthält. Somit handelt es sich wohl eher um ein kerntechnik- und zukunftskritisches, ökologisches Lied.

Unter Rappern und Hip-Hoppern ist auf große Hose oder zwielichtig zu machen das Maß der Dinge, allerdings bleibt so manches Mal die Kultur und das Quäntchen gleicher, geachteter Augenhöhe naturgemäß auf der Strecke. Dass von Despektierlichkeiten Frauen gegenüber (bitches, holes) gesungen wird und mit Rivalitäten, Geld, Lebensstil und Angesagtheit geprahlt wird, ist gang und gäbe. Dass aber auch mal eine Frau den Spieß umdreht, zeigt z.B. Missy Elliot: Einige ihrer Stücke benennen, dass sie keinen One-Minute-Man möchte, und dass sie erst mal wissen will, ob er es wert ist, wie er unten ’rum bestückt ist und ob er demnach ihren Geschmack trifft.

Auf deutlich höherem gesellschaftlich-sozialem Niveau, wenn auch nicht so etabliert in der Szene wie manch’ Anderer, bewegt sich zum Beispiel Will Smith. Erfolgreicher ist er aber wohl noch als Schauspieler. Dennoch reicht seine Laufbahn als Musiker auch schon mindestens ein halbes Leben lang zurück. Summertime, von DJ Jazzy Jeff & The Fresh Prince, beispielsweise, dürfte den Meisten aus der Vergangenheit noch ein Begriff sein. Sein Showing off gipfelt heute allenfalls in Sangeseinlagen wie „wave ’em off“ (schüttele sie ab), „I can stand on my wallet and I kiss the sky“ oder „…I like my sticks thick, and my jets private, and my son to ride in the cockpit ...!“. Da er auch bewusst seine Familie in seinen Stücken feiert, gehe ich davon aus, dass sich die zuvor erwähnten ‚dicken Stöckchen’ nicht auf sein bestes Stückchen beziehen, sondern schlichtweg auf spliffs, also kleinere zylindrische, nicht aber konische Joints. Nicht wie etwa viele andere Nachbarschaftshunde läufig zu sein, und damit zu prahlen, zeugt bei ihm von Größe und dem Level, auf dem er sich bewegt. Smith arbeitet außerdem stilübergreifend; R ’n B, Rap, Hip-Hop, Club, sogar Balladen oder Pop, seltener Latino-Experimente; und bei ihm kann man wenigstens von echten Inhalten sprechen, die auch zwischenmenschliche, gesellschaftliche und familiäre Werte einbeziehen. Er will sich eher vielseitig versuchen, als sich nur brachial und einseitig zu behaupten. Wer sich über den Weg des ironischen, sich dumm stellenden, witzigen Lebenskünstlers in Bel Air entwickelt hat, wird sich wohl auch später eher nicht darauf beschränken, nur der Bling-Bling-Träger mit ausgefahrenen Ellenbogen zu sein. Seine Film-Aktivitäten zeugen denn auch zunehmend von Subtilität und Tiefe.

18.9.15 15:00

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