Atempause – Im Auge des Orkans

In den Ortschaften ist man mit dem PKW auch nicht schneller unterwegs, man verbraucht bei Weitem weniger Sprit und das Wetter lässt es zumeist ebenfalls zu. So wendig wie mit einem Fahrrad aber so unangestrengt und schnell unterwegs wie mit dem PKW; der Roller ist das clevere urbane Wiesel. Sicher, im August fliegt einem mal eine Wespe unter den geschlossenen Helm(!), aber bei dem zumeist warmen Wetter fährt man doch am Besten mit der offenen Variante, dem Jethelm. Viel luftiger, und man bekommt insgesamt wesentlich mehr mit, hat außerdem ein größeres Sichtfeld, gerade auch nach unten und zur Seite, spürt die Umgebung und Geschwindigkeit erst richtig und kann es genießen. Die Getränkekiste holt man natürlich mit dem Auto, aber für die meisten Besorgungen reicht die Wespe allemal. Ach deswegen mögen die einen (it. vespa)! Bezieht sich aber wohl ursprünglich auf die Agilität, die sie mit dem Insekt teilt. Sperrige Kartons zwischen den Beinen, die weder in Sitzfach noch Koffer passen, sind auch möglich, vorteilhaft dabei ist aber, möglichst nicht anhalten zu müssen. Das Gleichgewicht zu halten im Ausrollen auf eine rote Ampel, sowieso eine der spaßmachendsten Disziplinen; die Autofahrer scheinen sich schon sichtlich zu fragen „Jetzt muss er doch gleich die Füße absetzen“, sie bis in den Grenzbereich aber dennoch aufgesetzt zu behalten und souverän einfach weiterzugleiten, bis 10 Zentimeter vor die Stoßstange des Vordermanns, kurz vor statischem Exitus, als führe man einen MP3, diese italienischen Dreiräder, mit denen man nicht umkippen kann, ist mir immer wieder eine Herausforderung. Und das Rollern gleichermaßen die beste Klimaanlage schlechthin; ein aufgeheiztes Auto muss erst mal runterkühlen, trotzdem sind und bleiben die Sitze so heiß, dass der Rücken gleich klatschig wird; jedoch der Umgebungsluft direkt exponiert, profitiert man bergab bei bis zu 65 Sachen im offenen Hemd und Shorts immer noch von verschiedenen, bis zu backofenwarmen Luftschichten, die einen mit ein paar Extra-Schleifen durch und um den Ort endlich wieder angenehm trocknen, außer im Schritt, wo natürlich keine Luft d’ran kommt.

Die Technik geht weiter, und der 4-Takt Motor, der kein Öl mehr verbrennt, keine bestialisch stinkenden, blauen Wolkenbänder von mehreren hundert Metern Länge mehr aufspannt und sich nicht mehr mit aggressivem „Mööööööööööhhhh“ Gehör verschafft, ist wiederum längst von der elektrischen Variante abgelöst worden, die so seidenweich und brav sirrend an einem vorüber zieht, als wären die ersten Aliens bereits unter uns. Dennoch wirkt der 4-Takter nach wie vor kultiviert. Vielleicht ist er nicht so bissig oder giftig im Vortrieb, nimmt das Gas nicht so an wie ein 2-Takter. Das mag auch daran liegen, dass der Händler vielleicht eine Getrieberolle eingesetzt hat, die etwas höhere Endgeschwindigkeiten zulässt „10 km/h mehr, da kann wohl keiner was gegen haben“, dafür aber nicht den Grip des Originalteils hat. Es ist aber wohl eher noch der taiwanesischen Technik zuzuschreiben, dass, sobald man bei bestimmten Motor- und vor allem Außentemperaturen der mittleren bis niederen Skala ein Stück gefahren ist, das Aggregat in den ersten Minuten auf einmal untertourig läuft, und mitunter gleichermaßen bei Anhalten wie erneutem Gasgeben ... ausgeht!?! Na ja, vielleicht ist die umweltfreundlichere 4-Takt-Technik im Grenzbereich halt empfindlicher, so dass man das locker in Kauf nehmen kann, versucht man sich schnell einzureden. Man weiß ja, wofür man sich entschieden hat, angeblich einen Bruchteil der Umweltschädlichkeit der 2-Takt-Verpester. Vielleicht war die Möhre aber auch einfach nur abgesoffen, dennoch kein Einzelfall, und bekanntes Phänomen bei Fahrern der selben Marke.

Nun liegt es in der Natur des innerstädtischen Anhaltens, dass man entweder angekommen ist, oder sich zumeist auf größeren Ampel- oder Straßenkreuzungen der Peripherien befindet ...! Mal wieder untertourig die Vorfahrt achtend am Ortseingang war es schließlich am Öl-Asketen, zu fahren. Ein leichter Dreh am Gas und – der Motor ging aus, zog das Zweirad aber noch mitten auf die Kreuzung! Sicher, aus dem Ort kam in 300 Metern der nächste PKW und von außerhalb in Richtung des Ortseingangs in ähnlicher Entfernung ein 30-Tonner mit geladenen Holzstämmen. „Dididididididi ...“ strengte sich der Starter an, um der Maschine wieder Leben einzuhauchen, zwischendurch Seufzer. 200 Meter bis Meteoriteneinschlag. Man hatte aber auch wirklich einen guten Ausblick von der Kreuzung, so erhöht. „Didididididididijechjechdidididijech“, gab sich der Starter wieder beste Mühe. Die letzten Impulse hatten ansatzweise etwas einer Zündung, aber zunächst musste sich die Batterie etwas beruhigen, die Kraft muss sich ja erst wieder einen Moment lang aufbauen; ach Gott, wir hatten ja auch Zeit; außerdem können Startelemente schnell überhitzen, daher sind ja zumeist in Kfzs Relaisschalter verbaut, also Starter, die den eigentlichen Starter starten, um selber nicht heiß zu laufen oder zu schmelzen ...! Donnerte es? Ach nein, das war bloß der Megalodon auf Rädern, der sich da irgendwo von inzwischen halbrechts-hinten auf 100 Meter angenähert hatte; der PKW von innerorts wirkte dagegen wie ein Nähmaschinchen auf Wochenendtrip. „Dididididididijechdididiüchzdididijechrönrönrööööönnn“ war mit gleichzeitigem Gasgeben, bevorzugt in erste, zündende Wellen hinein, der kollabierte Patient reanimiert. Inzwischen mochten das Ungetüm und meine sterbliche Hülle noch 30-50 Meter trennen. „Pooooooöööööööhhhhh“ posaunte es mir infernal in den Rücken, die Nackenhaare stachen wahrscheinlich schon werwolflike durch’s Hemd, sogar die Vibration der Hupe war zu spüren! Sollte es keinen Quadrophenia Pancake geben, war jetzt wirklich die letzte Gelegenheit, mit Motorkraft dafür Sorge zu tragen. Mit urplötzlicher Vortriebsbereitschaft ließ das südostasiatische Gefährt denn auch das Poltern allmählich in die Ferne rücken, dafür wurden die Knie langsam immer weicher; der skatende, prähistorische Urvater aller Knorpelfische war abgehängt ...

15.8.15 01:27

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