Territorialverhalten von Raub- und Aasvögeln untereinander

In vielen Teilen der alten Welt ist der Milan verbreitet. Dieser wohl wegen seiner gesplitteten Schwanzfedern auch Gabelweihe genannte Raubvogel durchzieht gleichermaßen souverän wie gelassen die Lüfte. Man kann häufig beobachten, dass er bei abrupten Flugmanövern diese Gabel als Ruder einsetzt und individuell ausrichten kann, zumeist scheint er aber mit seinen vergleichsweise übermäßig langen und schlanken Flügeln, beim Rotmilan bis 1,40m Spannweite, wenig Kraftaufwand zu benötigen und anscheinend nur gleiten zu brauchen. Viel majestätischer kommt er daher als ein Bussard oder Habicht, und ein Falke wirkt dagegen, trotz bester Flugbefähigung aller Raubvögel, wie eine schnöde Turbotaube. Bei klarer Witterung und gar Winden sieht man teils minutenlang keinen einzigen Flügelschlag, bloß leichte Korrekturen, um auf Kurs zu bleiben. Der Adler des kleinen Mannes.

Man kennt das noch aus der Kindheit: Normalerweise ärgern die Großen die Kleinen. Dass die Kleinen den Spieß umdrehen, ist eher selten und zeugt von Mut und Findigkeit. Oder von Not. Wird man in die Enge getrieben, muss man improvisieren und sich etwas trauen. In der Tierwelt gibt es da sowieso keine großen Optionen oder Abstufungen, es geht meistens um’s blanke Überleben in Form von Nahrungsverteidigung. Ein fremder Intruder in’s eigene Revier ist ein nicht tolerierbares, zusätzliches hungriges Maul. In diesem Fall Schnabel. Aktion und Reaktion. Warum man gerade häufig Krähen sieht, die zu zweit oder auch One on One einer Gabelweihe nachstellen, wo man doch geneigt ist, ein unterschiedliches Beuteschema zu vermuten, erschließt sich einem nicht unbedingt sofort.
Vielleicht, so meint man, liegt die Ursache in diesem Fall auch eher in den unterschiedlichen Intelligenz-Vermögen beider Vögel, sind Krähen doch sehr schlau und lernfähig und durch den Rudeltiercharakter des Schwarms bestimmt auch sozial und hierarchisch in bestimmter Weise organisiert. So nach dem Motto: Wachposten-Krähe meldet unauthorisierten territorialen Einfall. Alpha-Krähe entscheidet: „Defender-Krähen ausschwärmen und den ungebetenen Gast in den internationalen Luftraum abdrängen.“ Jene Türsteher freuen sich und steigen auf: „Ey Alter, Abgang, Du kommst hier net rein; lach isch, oder was ...?!“ Das geht ’ne Zeit lang in Endlosschleife, bis es entweder Touchdown für Raven Riots oder Milan Majestic heißt. Mehr Ausdauer dürften wohl die Krähen aus der Gruppe heraus mitbringen. Vielleicht sind sie aber einfach nur schnell gelangweilt, Intelligenz will ja regelmäßig gefordert sein: „Was machen wir denn mal? Mir is so langweilig ...“ „Ey cool, guck mal, da kommt ’ne Königsweihe, meint wohl, sie wär’ was Besonderes, die mischen wir auf ...!“, oder zwei ausgestoßene Wegelagerer-Krähen haben sich auf’s Raubrittertum spezialisiert. Vielleicht ist aber das leckerste Aas gerade das, das erst frisch gefangen oder gestorben in den Fängen eines Raubvogels sitzt. Tatsächlich ist der Milan nicht nur Greif, sondern selbst auch Aasfresser und profitiert von Kadavern jeder Art und Größe sowie von Mülldeponien und Ernte- bzw. Mähprozessen, die ihm viele Kleintiere überhaupt erst auftun. Nicht lange, nachdem Felder gemäht worden sind, sieht man gleich die Kreise ziehenden Kreaturen. Insofern also doch Rivale der Renn- bzw. Flugbahn. Im Zweifel Todfeind, weil auch Rabenvögel auf dem Speiseplan stehen. Aber Rabenvogel muss nicht zwingend auch Rabe oder Krähe bedeuten, die sind zu kräftig, es trifft eher Dohlen, Amseln, Nager und Kriechgetier. In Westeuropa wird er langsam seltener. 0sss0

Oft dachte ich schon darüber nach, wie es wohl wäre, eine Weihe aufzuziehen und zu halten. Im Garten vielleicht einen nach oben offenen, ansonsten engmaschigen Maschedrahtzeäunkäfig mit Podest, Tränke und Kükenpopulation, und dann Gassi gehen, äh, Fahren, mit dem Fahrrad; vielleicht ein Gestell hinten anbringen, auf dem sie immer wieder landen kann! Wäre bestimmt auch ’ne tolle Attraktion für die Umwelt, sommerliche Radtour mit permanent landender und startender 747! Zahme Krähen hat es dagegen schon häufig gegeben ...

Der Vogel mit der längsten Spannweite von bis zu 3,20m ist der Andenkondor, der die Höhenlagen Südamerikas bis hin in die Urwaldausläufer der angrenzenden Nachbarländer bevölkert. Hier kann man dasselbe Spiel beobachten, wie bei uns zuhause, nur in größer. Ein Adler duldet einen Kondor nicht und stellt im nach, wie die Krähen dem Milan. Klein attackiert Groß. Dasselbe Bild am Himmel. Er braucht einfach keinen vermeintlichen Trittbrettfahrer in seinem Revier.
In Bolivien, und womöglich auch in anderen andinen Ländern, halten sich teils negative Erzählungen über Kondore. Einige der Einheimischen sind nicht gut auf den Vogel zu sprechen, angeblich holte er immer mal wieder kleine Kinder oder Tiere. Dies mag vielleicht auf alte nicht hinterfragte Erzählungen zurück gehen, vielleicht auch ein mythologisches Randphänomen. Möglicherweise holt sich aber ein reiner Aasfresser im Grenzbereich ausnahmsweise doch mal Frischfleisch ... Daher würden Manche entgegen der Artenschutzbestimmungen Kondore schießen.

Für die Inkas war der Kondor der Götterbote, el Mensajero de los Dioses, das verehrteste Tier, das gleichermaßen für den allmorgendlichen Sonnenaufgang und den Kontakt zum Himmel zuständig war, um die Gebete zu übergeben. Er war mittels seiner Kraft in der Lage, das Gestirn über das Gebirge zu setzen und damit den Lebenszyklus auf’s Neue zu initiieren und überbrachte gute wie schlechte Omen. Er stand außerdem für Unsterblichkeit. Fühlte er sich alt, stürzte er sich vom höchsten Gipfel, um am Fuße des Gebirges zu zerschellen und automatisch im Gebirgsnest wiedergeboren zu werden. Hat irgendwie ’was vom Phönix aus der Asche ...?!

El cóndor pasa! Wer Apu Kuntur persönlich antreffen will, wie er althergebracht auf Quechua heißt, braucht einen guten Guía (Führer), Geduld und einen Beutel mit Coca, um weniger höhenkrank zu werden, außerdem einen langsamen, sukzessiv mehrtägig-etappigen Aufstieg, bzw. solchermaßen höhenaufbauende Anreisen und Aufenthalte über jeweils mehrere Tage, um in dem geringeren Druckverhalten der Höhenlagen keine Hirn- und Lungenödeme zu erleiden.

7.8.15 13:16

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